
Am 5. Mai 1957 wurde unser Gemeindehaus unter großer Anteilnahme des ganzen Dorfes feierlich eingeweiht. Gleichzeitig wurde der neue Kindergarten 'Emil-Frommel-Haus' in Betrieb genommen.
Ein großer Wunsch ging damals in Erfüllung: Die evangelische Kirchengemeinde hatte endlich ihr eigenes Gemeindehaus. Die Gemeindekreise und die Chöre mussten sich hinfort nicht mehr in den verschiedensten Lokalitäten am Ort treffen, sondern hatten im neugebauten Emil-Frommel-Haus nun eine bleibende Heimat.
1) Die Fünfziger Jahre
Wer von uns Älteren erinnert sich nicht an die zerfurchten Gesichter des Edmund P. Hillary und seines Scherpas Tenzing Norgay auf dem windumtobten eisigen Gipfel des Mount Everest? Sie hatten am 29.5.1953 den höchsten Berg der Erde erstmals bestiegen. Wer von uns saß nicht vor dem Fernseher im Gasthaus, um mit unseren vor Nässe triefenden „Helden von Bern“ mitzukämpfen und mitzuleiden; wer von uns machte nicht Luftsprünge beim „Toor, Toor, Toor! Wir sind Weltmeister!“? Sepp Herberger, ein „Mannemer Bub“, hatte Deutschland 1954 zu Meisterehren geführt. Wer von uns liebte ihn nicht, den „Dicken mit der Zigarre“ (Prof. Ludwig Erhard)? Aus Trümmern hatte sich Nachkriegsdeutschland zu Rekorden aufgeschwungen, ist Exportweltmeister und drittgrößte Industrienation geworden. „Wirtschaftswunder“ nannte man, was in Wirklichkeit das Ergebnis harter Arbeit und das Resultat der Erfindungsgabe und des Fleißes vieler Menschen war. Dafür aber, dass diese Anstrengungen auch Früchte trugen, sorgte mit seiner „sozialen Marktwirtschaft“ als gute Rahmenbedingung eben jener Wunderwirtschaftsminister. Seine rundlichen Körperformen machten ihn zum fleischgewordenen Symbol des Wohlstandes und die qualmende Zigarre assoziierte die rauchenden Schlote einer boomenden deutschen Industrie. Nach den Entbehrungen und Hungerjahren der Nachkriegsära schlugen sich die Bundesbürger jener fünfziger Jahre mit Genuss die Bäuche voll. Eisbein und Sahnetorte standen hoch im Kurs. Doch nicht nur der Bauchansatz demonstrierte, dass man es zu etwas gebracht hat. Zusammen mit Eltern, Geschwistern und Freunden hatte so mancher in Eigenarbeit sein Häuschen hochgezogen.
Auch unsere Heimatgemeinde Söllingen musste in jenen Jahren nicht mehr wachgeküsst werden, sie war schon putzmunter. Am Reetzweg, wo ursprünglich das große Schild „Hier hilft der Marschallplan“ stand, waren die Siedlungshäuser längst bezogen. Die katholische Pfarrgemeinde hatte im Jahre 1953 ihr Gotteshaus eingeweiht; die evangelische Kirchengemeinde unter Pfarrer Julius Zimmer die Krankenstation bis dahin bereits entschuldet. Dies waren aber nur Meilensteine, denn Nachholbedarf gab es mehr als genug. Die evangelische Gemeindejugend hatte sich im Nebenzimmer des ehemaligen Gasthauses „Zum Hirschen“ eingerichtet, doch im Hause wohnte auch noch die Familie der Eigentümer.Der Posaunenchor probte im Schulhaus (Kußmaulstraße), der Kirchenchor übte im Grünen Hof. Dies waren allesamt Notlösungen. Die Söllinger Kinder besuchten die Kinderschulen in der Unteren Dorfstraße Nummer 2 (seit 1861) und in der Pfinzstraße 13 bei der AB-Gemeinschaft (seit 1909). Die baulichen Mängel und die hygienischen Verhältnisse beider Kinderschulen wurden von der Aufsichtsbehörde beanstandet. So brauchten Kinder, Jugendliche und die Chöre eine neue Heimat. In allen Visitationsberichten stand: „Söllingen braucht einen Gemeindesaal!“ Schon im Jahre 1929 hatte der Kirchengemeinderat unter Pfarrer Robert Wilkens den Beschluss gefasst, ein Gemeindehaus zu bauen und Nachfolger Pfarrer Julius Zimmer hatte sogar zu Spenden und Sammlungen für ein solches Haus aufgerufen. Der Zweite Weltkrieg und die Währungsreform machten diesen Bemühungen einen Strich durch die Rechnung. Pfarrer Zimmer trat 1953 in den Ruhestand; geblieben ist das Projekt und damit ein Berg Arbeit. Um zu Gipfelfreuden zu gelangen, bedarf es einer zuverlässigen, leistungsfähigen Mannschaft und eines fähigen Kopfs, der sie bildet und formt, ihr den guten (Team-) Geist einhaucht, um ihr alles Notwendige abverlangen zu können. Dies galt für den Bergsteiger, den Fußballtrainer und den Wirtschaftslenker. Dies galt auch für einen „Bauherrn“ in Sachen Gemeindehaus bzw. Kinderschule. Der Aufschwung im Lande stimmte optimistisch, das Potenzial in der Gemeinde war vorhanden, wo aber ist der Kopf? Auch in unsere Kirchengemeinde sollte der Herr einen „Mannemer Bub“ senden.
2) Der Erbauer: Pfarrer Willi Schmitt
Er kam aus einfachen Verhältnissen. Seine Familie wohnte in Mannheim-Rheinau; der Vater von Beruf Schmied, arbeitete später als Hausmeister in einer Schule. Im Schützengraben, im Gewehrfeuer hatte der Sohn Willi beschlossen, Pfarrer zu werden. Gymnasium und Studium für den begabten Sprössling haben sich die Eltern vom Munde abgespart. In den Semesterferien arbeitete der Student, lebte und fühlte er mit den „Malochern“. Seine Freizeit gehörte dem Sport, insbesondere dem Handballspiel; er schätzte den Teamgeist. Wer war der Kurpfälzer mit dem „Stallgeruch“ der Industriestadt, der nach einem Vikariat in Heidelberg-Kirchheim auf eine Pfarrstelle in Söllingen berufen wurde? Wo war er anzusiedeln? Sicher nicht zwischen Pfingstjubel und Reformhaus, er war weder Schwarmgeist noch ängstlicher Hypochonder. Sicher nicht im Pietismus, den frommen Wandel in Askese hat er sich nicht auferlegt und das weltliche Treiben hat er nie ganz verworfen. Im Gegenteil, das Fundament seines Glaubens entsprach einer freudigen Daseinsbejahung. Es gibt nichts, worin Gottes Herrlichkeit nicht auch sei. Da auf alles Sein der Glanz Gottes gefallen ist, gibt es nichts Profanes mehr. So bekommt auch alles, was Freude schaffen kann, religiösen Wert, auch die scheinbar weltlichen Freuden wie Essen und Trinken, Musik, Gesang und Tanz. Auf die Frage was er von den sportlichen Aktivitäten am heiligen Sonntag halte, meinte Pfarrer Schmitt: „Ich würde am liebsten sämtliche Sportplätze rund um die Kirche anlegen!“ Ein weites Herz, eine große Liebe hatte der Seelsorger, wie sein Herr, dem er nachfolgte, zu allen Menschen. Die Einladung unseres Herrn ergeht nicht nur an die Etablierten, sie geht auch an die Menschen am Rande. Jesus richtete keine bürgerlichen Zäune auf. Bei Willi Schmitt wurde Gottes Wort aktualisiert und damit praktische Lebenshilfe. Er predigte anschaulich, weltoffen und zeitnah. Noch ein Pfund hat ihm der Herr geschenkt: Sein gutes Aussehen waren dem Mann in den besten Jahren ein offener Empfehlungsbrief, der ihn die Herzen im Voraus gewinnen ließ, vor allem jene der Weiblichkeit. „Wenn der net scho verheiert gwä wär, die hätte d’ Kärchestaffel abtrappelt!“ meinte eine verbitterte alte Jungfer. Schon aus den genannten Gründen waren die Gottesdienste in jener Zeit gut besucht. Aber es gab noch andere . So schlummerte im Volke noch eine große Dankbarkeit, den schrecklichen Krieg überstanden zu haben, und von den gut besuchten Zeltmissionen nach dem Kriege atmete man noch Erweckungsluft. Seinem „Kommet her!“ folgten viele, so auch z.B. zu einer Fahrt nach Frankfurt zum Kirchentag, zum Männersonntag, zur musikalischen Feierstunde des Männergesangvereins zugunsten des Neubaus in der Kirche, zum Männerausflug ins Blaue am Fronleichnamstag oder zum Kaffee-Abend der Frauen mit Frohsinn, Lied und Wort. Der Bus war voll besetzt bei einer Ausflugsfahrt zum Chiemsee, nach Innsbruck, Kitzbühl und Imst. Bei der Tankstelle Leicht wurde eine Liste aufgelegt, in welche sich Autofahrer eintragen konnten, die mit den Kranken (ohne Unterschied auf Religionszugehörigkeit) eine Fahrt machen wollten. Neben der Wortverkündigung am Sonntag folgte der Seelsorger Schmitt einem inneren Missionsbefehl. Dem „Gehet hin ... verkündigt das Evangelium“, setzte er eigenmächtig hinzu „... und werbt für Beter und Spender des Gemeindehauses.“ Wie er dies praktizierte verraten folgende Anekdoten: In die Kreise der Jugend: „Will ich mit Wort und Evangelium bei ihnen landen, muss ich sie vorher „geistig abschlachten“, so ein Studentenpfarrer über die ihm Anbefohlenen. Wer dem Jungen „Kraftprotz“ in seiner Wachstums- und Reifezeit geistliche Wegweisung geben möchte, tut gut daran sich mit ihm zu messen. So ließ sich Pfarrer Schmitt mal zu einer Schachparty, mal zu einem Tischtennismatch herausfordern. Beim Geschicklichkeitsspiel soll er, manche haben es gemerkt, genial geschummelt haben. Hinter vorgehaltener Hand sei verraten, die Jungen soll er einige Mal im Pfarrhaus zu einer deftigen Skatrunde verführt haben. Als ihm zu Ohren kam, dass die „Freien Turner“ eine Leichtathletikgruppe gebildet hatten, beschloss er spontan: „Die besuchen wir!“ Die aber staunten nicht schlecht, als der Pfarrer kam und die Kugel zwei Meter weiter stieß als ihr Bester und auch im Weitsprung Spitze war: „Der hot’s net bloss do (zeigte einer auf seinen Kopf), der hot’s a do (auf die Bizeps). Willi Schmitt begleitete alles Tun seiner Gemeindejugend mit großem Interesse. War diese zu Arbeitseinsätzen im neuen Emil-Frommel-Haus eingeteilt, erschien er auch einmal mit einem Kasten Bier. Der ist von „Für wo nötig!“ Am 1. November 1958 fand im Emil-Frommel-Haus ein Tischtennisturnier mit 80 Jugendlichen statt.
3) Die Baugeschichte
„Mönchlein, Mönchlein, du gehst jetzt einen schweren Gang!“ soll der alte Frundsberg dem Martin Luther vor seinem ersten Verhör auf dem Reichstag zu Worms schulterklopfend mit auf den Weg gegeben haben. Vielleicht hätte Pfarrer Willi Schmitt aus Söllingen ähnlichen Zuspruchs bedurft als er in Sachen Gemeindehaus/ Kinderschule beim evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe vorzusprechen hatte. Diese Institution genehmigt als Kirchenleitung die Pläne, bewilligt die Mittel und stellt sich gegebenenfalls bürgend vor und hinter die Gemeinde. Nur vorfühlen wollte der Pfarrer, als er sogleich eine kalte Dusche verabreicht bekam, die ihm den Schlaf rauben sollte. „Zum Bauen braucht man Geld!“ meinte von oben herab der dortige Beamte: „Der Kirchensteuerhebesatz von Söllingen ist so klein, da kann Söllingen nie und nimmer auf die Unterstützung des Oberkirchenrates rechnen!“ Doch der Herr, der die Herzen lenken kann wie Wasserbäche, muss wohl hier eingegriffen haben, denn bald darauf wurde der Pfarrer nach Karlsruhe eingeladen. Er berichtet selbst: „Wie sollte ich es anpacken? Ach, ich habe einfach eingepackt: Opferbuch, Sparkassenbücher, Gabenverzeichnisse usw., das musste doch ziehen! So zog ich getrosten Mutes zur Blumenstraße. Dort durfte ich einen Vortrag halten und eine ganz große Freude erleben. Der Oberkirchenrat konnte nicht anders. Nach dem was er gehört und Einsicht genommen habe, sei es ihm klar geworden, dass die Söllinger ein solches Werk wohl durchbringen würden. Mit seiner Unterstützung könne gerechnet werden.“ Des Pfarrers Herz schlug höher. Planung und Bau des Emil-Frommel-Hauses waren mit der Amtszeit des Pfarrers Willi Schmitt (1953 – 1958) nahezu identisch. Die Bauplatzfrage war im August 1954 gelöst. Die Firma Ziegelei Räuchle stellte den Platz billig zur Verfügung. Er schloss sich nach oben an den Schulhausneubau an; lag im Zentrum der Gemeinde und hatte, was wichtig war, nach Osten eine freie Front, so dass für die Kindergartenkinder Licht, Luft und Sonne genügend vorhanden waren. Nun galt es zunächst, ein Grundkapital zum Bauen zu ersparen. Unter den Stimmen zum Vorhaben überwogen die positiven. Am 1. Mai 1955 lagen vor der Haustüre des Pfarrers zwei Dachziegel mit der Aufschrift: „Aus Liebe fürs Gemeindehaus“. Das Kirchenopfer war nie so gut wie in jener Zeit. Den hartnäckigen Skeptikern hielt Pfarrer Schmitt entgegen: „Zu meinem Privatvergnügen baue ich nicht. Bauen kostet Kraft und viel, viel Ärger. Ich nehme das auf mich aus Liebe zur Gemeinde und zu unseren Kindern.“ Gleich zu Beginn der Bautätigkeit stiftete ein Bauunternehmer seinen großen Bagger auf 10 Arbeitsstunden (ca. 250 DM), um Erde wegzuräumen. Im März 1956 waren die Baupläne genehmigt, wurden Werkpläne erstellt. Zum Erdaushub hatte Bauunternehmer Seeger seine Maschinen unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Ein gewaltiger Turmdrehkran beherrschte die Szene. Beim Betonieren der Fundamente und dem Beginn der Schalarbeiten gab es kontroverse Ansichten zwischen Planer und Bauleiter um die Isolierung und das Mischungsverhältnis beim Beton. Der Praktiker sollte am Ende recht behalten. Im Juli 1956 war der Keller fertig, wobei spätere Möglichkeiten zum Ausbau für die Jugendarbeit offengelassen wurden. Die Grundsteinlegung hatte man schlichtweg vergessen, man merkte dies erst, als der Bau schon zu weit fortgeschritten war. Zum Richtfest versammelte man sich in einer stillen Abendstunde während der Erntezeit vor dem gerichteten Bau, um in Lied, Wort und Gebet zu danken, dass Gott bis hierher geholfen hat. Anwesend waren der Bürgermeister, alle Gemeinderäte und Dr. Altpeter von der Badischen Wolframerz AG. Der Posaunenchor und der Kirchenchor gaben dieser Stunde ihren würdigen Rahmen. Alle weiteren Gewerke wurden bis März 1957 vollendet.
4) Anekdoten aus dem Leben von Pfarrer Schmitt
Die Alten ...
Frau Luise W. öffnet zum Lüften ihre Fenster. Da kommt von der Straße her ein freundlicher Gruß: „Gute Morsche Frau Wenz, isch hab noch weiter owe zu tun, wenn I runter kumm, guck isch bei ihne roi!“ so eine sonore Stimme. Zwischen den Zweigen ihres Aprikosenbaumes im Vorgarten entdeckt die also Begrüßte einen Herrn mit Krawatte. „S isch recht, Herr Dokter!“ „Liesel“, ruft die kranke Frau (sie leidet seit vielen Jahren an offenen Füßen) ihrer Tochter: „Komm schnell, de Dokter kommt!“ Rasch werden die Binden von den Beinen entfernt, dass die Wunden sichtbar werden. Es läutet, und an der Türe steht in seiner ganzen Größe Pfarrer Schmitt. „Um Himmels Willen, Sie ware des, wo zum Fenschder reigschwätzt hot! Nemme se Platz, mir wickle se schnell widder ei!“ Der Pfarrer hörte sich geduldig Luises Krankengeschichte und ihre Seufzer an, hielt das Händchen und betete mit ihr. Beim Krankenbesuch wurde schon das demnächst stattfindende häusliche Abendmahl terminiert. Dies fand hier zweimal im Jahr statt. Zum Mahl wurden noch die Emma, die Berta und die Nachbarin Luise eingeladen. Von den vielen ihrer Generation im Oberdorf, die einmal in schwerer Zeit einander halfen bei Haus- und Feldarbeit, einander beistanden in Not, ist dieses Quartett der Hochbetagten übriggeblieben. Wer das Glück hatte, in einer ihrer winterlichen Vorsetzen „Mäuschen“ spielen zu dürfen, wurde überrascht über die Vielfalt von Geschichten, die sie beim Stricken, bei Kaffee, Butterbackes und Hutzelbrot zum Besten gaben („Vorsetz“ war ein Kaffeeklatsch bei Handarbeiten, Stricken, Sticken etc.). Aus der Sicht des Alters gelassen, selbstironisch und doch sehr lebendig wurde erzählt von früher. Doch dabei blieb es nicht, denn in noch fernsehloser Zeit verhechelte man auch die aktuellen Geschehnisse im Dorf, zuweilen vom Pfannenstiel bis zum Hammerwerk. „Henn der scho gehrt?“ taten sie wichtig oder: „Wenn i dirs sag!“ behaupteten sie rechthaberisch. Lustvoll für alle war dieser Kaffeeklatsch allemal, doch die Behauptungen über ihre Mitbürger, zumal sie aus dritter Hand kamen, nicht immer wahr. Nun da diese vier allesamt an der Schwelle zur Ewigkeit standen, waren sie ihrer Sache nicht mehr so sicher, wurden sie nachdenklich und reumütig. Die Beichte und das häusliche Abendmahl kamen gelegen und trafen auf bußfertige Sünder. Beim „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth ...“ begleiteten sie mit ihren zarten, brüchigen Stimmen, aber aufrichtigen Herzens den Gesang des Pfarrers. Der reichte Brot und Wein und sprach Vergebung zu. Erleichtert und dankbar drückten die alten Mütterchen dem Seelsorger ihr Gestricktes für den Bazar und ihr Scheinchen fürs Emil-Frommel-Haus in die Hand.
Der Sport: Am falschen Platz ...
Lokalkampf im Dammwald-Stadion, die Sportvereinigung Söllingen empfängt die Viktoria aus Berghausen. Das Spiel wurde vor einer halben Stunde angepfiffen. Vom Kassenhäuschen hastet ein stattlicher Herr eingehüllt in einen Kleppermantel, bedeckt mit einer Baskenmütze durch den Nieselregen. Kaum hatte er sich in eine Lücke gedrückt, fällt ein Tor für die Einheimischen. „Tor, Tor, Tor!“ jubelt der Fan. Da fuchtelt plötzlich einer mit dem Schirm vor seiner Nase herum: „He du, du regsch mi uff, I glab, du bisch em falsche Platz, du kehrsch wo anners na!” Am fremden „na“ erkannte der also Bedrohte, dass er unter „Feinden“ war. Doch ehe er eins auf die Baskenmütze bekam, trollte er sich. Freundlicher begrüßte man ihn auf der anderen Seite des Platzes. „Gute Tag, Männer!“ – „Gute Dag, Herr Pfarrer!“ – „Wie steht’s?“ – „Zwai null hemmer gwunne, Herr Pfarrer!“ Die Spieler der Sportvereinigung fühlten sich durch den Besuch des Herrn Pfarrers so beehrt, dass sie ihm ein Benefizspiel zugunsten des Emil-Frommel-Hauses anboten. Der Pfarrer seinerseits gewann seine Kirchheimer (Meister der 2. Amateurliga) zu einem solchen Match, das am Ostersonntag 1957, 15.30 Uhr im Dammwald-Stadion stattfand. „Nun sag mir noch einer, wir Pfarrer wären einseitige Menschen“, so Willi Schmitts Kommentar. Das Schwätzle ... Nichts verdarb dem Pfarrer den Appetit auf ein Schwätzle am Hoftor: Breitbeinig und in Gummistiefeln steht die Bäuerin Mine auf ihrem Hof; sie greift mit ihrer Schapf tief in die Grube, füllt das Jauchefass. „Huch, hier duftet’s nach 4712, Tag Frau D.!“ – „Tag Herr Pfarrer!“ errötet die Bäuerin. – „Es ist halt nicht alles Gold, was in die Grube fällt, gell Frau D.!“ – „Do henn se recht, Herr Pfarrer, sunsch hette ses a leichder mit em Gmoishaus!“ – „Vergesse Sie nicht den Bazar Frau D.!“ – „Mir fraie uns scho ganz aig druff, Herr Pfarrer!“
Der Stammtisch ...
„Wisst ihr a, dass mir in Söllinge zwai Olympiasieger henn? De Willi Schmitt im Fechte un de Bruder Weiland (Prediger bei den Liebenzellern) im Hammerwerfe. Der hat sein (Schmiede-) Hammer so weit fortgschmisse, dass er ihn nemme gfunne hat!“ Lautes Gelächter im Deutschen Kaiser. Dann kippt die gute Stimmung. Mit geballter Faust haut einer auf den Tisch, dass die Gläser hüpfen, der nächste noch stärker, der dritte bekommt einen Kopf wie ein Gockel: „Zum Donnerwetter nochemol, verlange die 5 Mark für d’ Kinnerschul, isch des net overschämt, so zieht ma d’Leit aus. Iwwerhabt, für was brauche mir neie Kinnerschule un Gemoindeheiser ...! Elies, noch e Viertele!“ Je mehr Viertele umso hitziger wird die Debatte. Plötzlich verstummt die Runde. „Guten Tag miteinander!“ – „Gude Dag, Herr Pfarrer!“ Zu spät haben sie sein Kommen bemerkt und ihre Köpfe sind noch roter geworden. Den Rest muss die Elies gepetzt haben. Im nächsten Gemeindeboten stand nämlich: „Die brauchen weder Kinderschule noch Gemeindehaus, die brauchen ihr Lebtag schon nichts anderes als nur ihr Viertele. Vielleicht kommt doch einmal ein lichter Moment, und einer haut auf den Tisch und sagt: „Anstatt zu maulen, gehen wir heim und geben für die Kinderschule so einen Vierteles-Betrag.“
Umgang mit „Abtrünnigen“: Beerdigung von Nichtchristen ...
Fünf Herren haben sich bei Pfarrer Schmitt angemeldet. „Herr Pfarrer wir wollen, dass sie unseren Freund christlich beerdigen, so mit allem pi pa po!“ Der blättert in seinen Akten: „Meine Herren, Sie gehören, wie ihr Freund, allesamt nicht meiner Kirche an. Es gehört nicht zu meinen Aufgaben, Nichtchristen zu beerdigen. „Wie wärs denn Herr Pfarrer, wenn mir fünfe alle widder eitrete täte?“ Pause! Der Pfarrer wiegt sein Haupt: „Dann ließe sich vielleicht darüber reden. Ich mach ihnen einen Vorschlag: Sie treten jetzt ab sofort offiziell ein und besuchen mindestens ein halbes Jahr lang unseren Gottesdienst!“ – „Einverstanden Herr Pfarrer!“ – „Und das mit dem Gottesdienst?“ – „Ehrensache, Herr Pfarrer, Ehrensache!“ Der Freund wurde christlich beerdigt. Sechs Monate lang sah man die Fünfe im Gottesdienst. In der Nähe der alten Orgel hatten sie Platz genommen. Hatte am Sonntag der Pfarrer die Kanzel bestiegen, nickte er lächelnd zu ihnen hinüber. Er freute sich, sie aber wähnten, er triumphiere. Im Briefkasten steckte nun fortan bei jedem von ihnen der evangelische Gemeindebote; sie wiederum verbreiteten weiterhin ihr Volksecho, bis ihre KPD im Jahre 1956 als verfassungswidrig verboten wurde. Die „Ehrensache“ galt nur für ein halbes Jahr. Ob sie ihrer Kirche erhalten geblieben sind, beantworten vielleicht die Kirchenbücher. „Don Camillo und Peppone“ lassen grüßen. Die geistliche Intention von Pfarrer Schmitt lässt sich vielleicht am besten mit dem Pauluswort beantworten: „Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette ...“ (1. Korinther 9, 22)
Rüdiger Wenz